Offener Brief zu den Vorfällen bei „Beats Against Borders“am 06. Mai 2022

Nachfolgend findet ihr den offenen Brief, den wir als Gruppe, mit dem Anspruch gegen jeden Antisemitismus zu sein, mitunterzeichneten.

Liebe Seebrücke Marburg,
auf Eurer Party „Beats against Borders“ am 6.05.2022 im Café Trauma kam es zu sexistischen, antisemitischen und antizionistischen Vorfällen. Die Ereignisse begannen damit, dass drei Personen Sticker der antisemitischen BDS-Bewegung verklebten und die Wände beschmierten (bspw. mit „Nakba is going on“ oder den Kartenumrissen Israels, in die Palästina hineingeschrieben wurde). Währenddessen haben diese Personen einen Gast der Party beim Toilettengang bedrängt und unter anderem aggressiv angesprochen, er solle Stellung zum „Nahen Osten“ beziehen – ob die Person denn dazu gar keine Meinung hätte. Darüber hinaus wurde gefragt, ob es denn sehr unangenehm sei, durch Antiimperialisten angesprochen zu werden. Deshalb wurden die drei Personen durch die Verantwortlichen des Abends (im Weiteren VA genannt) des Café Trauma angesprochen und aufgefordert, ihr Verhalten gegenüber den Gästen zu unterlassen und das Taggen einzustellen. Im weiteren Gesprächsverlauf fielen die 3 Personen insbesondere durch ihr raumnehmendes, mackerhaftes und grenzüberschreitendes Verhalten auf. Eine inhaltliche Auseinandersetzung war bereits an diesem Punkt kaum mehr möglich, sodass ebendieses Verhalten sowie der antisemitische Gehalt der Tags nicht mehr thematisiert werden konnte. Die drei Personen zeigten sich dabei gegenüber den VAs bedrohlich und nicht einsichtig.

Weibliche VAs, die die drei Personen ansprachen, wurden nicht als Gesprächspartnerinnen anerkannt. Sie wurden ignoriert und ihnen wurde der Rücken zugekehrt und versucht sie räumlich aus dem Gespräch zu drängen. Da die Personen keine Einsicht zeigten, ihr Verhalten zu unterlassen, weiter provozierten und wiederholt sexistisch agierten, wurde ein Hausverbot für den Abend ausgesprochen. Nach längerer verbaler Auseinandersetzung, und der Verweigerung zu gehen, wurde die Musik ausgeschaltet und die Party unterbrochen. In Folge gingen die drei Personen körperlich gegen VAs und Gäste vor. Es wurden antisemitische Parolen wie „Kindermörder Israel“ gerufen und dazu lauthals ausgeführt, dass Israel ein rassistischer Kolonialstaat sei; wer diese „Wahrheit“ nicht sehe, sei „behindert“[sic!]. Nachdem die Personen mit Unterstützung von Gästen aus dem Gebäude begleitet werden konnten, blieben die drei Personen auf dem Gelände des Café Trauma. Hier solidarisierten sich nicht nur einzelne Gäste, sondern auch Personen der Seebrücke mit den Rausgeworfenen. Die Rausgeworfenen blieben weiterhin aggressiv und drohten unter anderem einer Verantwortlichen des Café Trauma, „auf‘s Maul zu hauen“.

Selbst in diesem Moment, stellten sich einzelne Personen der Seebrücke immer noch auf die Seite der Rausgeworfenen und nahmen diese und ihr Verhalten in Schutz. Nun habt ihr, über zwei Monate nach der Party unter anderem auf Nachfrage und Gesprächsangebote des JuFo HSG Marburg und der Jugendorganisation der jüdischen Gemeinde Shalom Marburg ein „Statement“ auf Instagram veröffentlicht. In diesem schreibt ihr, man könne den Abend “nicht einstimmig rekonstruieren“. Ohne eine Kontextualisierung wird ausgeführt, dass die Seebrücke sich gegen „antipalästinensischen Rassismus, gegen antimuslimischen Rassismus und gegen Antisemitismus“ positioniere und sich menschenverachtendem Verhalten und Menschenrechtsverletzungen entgegenstelle. Auf das Gesprächsangebot durch JuFo HSG Marburg und Shalom Marburg wurde nicht eingegangen und die Seebrücke Marburg gab ihnen gegenüber an, dass mit ihrem „Statement“ die Aufarbeitung des Abends beendet sei. Das sehen wir definitiv anders. In unseren Augen hat eine an- gemessene Aufarbeitung bisher nicht mal begonnen.


Die kritische Antisemitismusforschung stellt schon seit Jahrzenten fest, dass der israelbezogene Antisemitismus die prominente und meistbenutzte Erscheinungsform des Antisemitismus ist. Dies entlädt sich in Deutschland immer wieder gegen Jüdinnen und Juden, gegen Israelis sowie gegen Menschen, die als jüdisch identifiziert werden oder die sich solidarisch mit Jüdinnen und Juden zeigen. So ist es auch auf der Party „Beats against Borders“ geschehen. Das „Statement“ geht einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit den antisemitischen und antizionistischen Vorfällen aus dem Weg. Eine Auseinandersetzung mit den sexistischen Vorfällen ist nicht mal im Ansatz zu erkennen. Wie sollen sich insbesondere Jüdinnen, Juden und Israelis auf Veranstaltungen der Seebrücke sicher fühlen, wenn während eindeutigen Ereignissen nicht klar gemacht wird, dass Antisemitismus auf der Veranstaltung keinen Platz hat und später nur Leerformeln und kontextlose Verallgemeinerungen als „Statement“ folgen?


Wir hoffen, dass ihr entgegen eurer Aussage, dass ihr den Aufarbeitungsprozess beendet, den Aufarbeitungsprozess weiterführt. Deshalb sind wir weiterhin gesprächsbereit, da wir die Arbeit der Seebrücke zu Seenotrettung, Geflüchteten und offenen Grenzen zu schätzen wissen und zu anderen Gelegenheiten unter anderem gegen Verschwörungsmythen, die immer auch einen Hang zum Antisemitismus haben, gut mit euch zusammenarbeiten konnten.

Wir fordern von der Seebrücke Marburg, dass eine tatsächliche Aufarbeitung der Ereignisse stattfindet, durch die Antisemitismus und Sexismus als Probleme anerkannt werden. Weiterhin fordern wir, dass ein Konzept entstehen soll, welches das Bewusstsein bezüglich antisemitischer und sexistischer Vorfälle steigert, Maßnahmen dagegen beschreibt und betroffenen Personen die Sicherheit gibt, dass sich Ähnliches wie bei der Party „Beats against Borders“ nicht auch auf anderen Veranstaltungen der Seebrücke Marburg wiederholt.