Redebeitrag: Nieder mit dem Patriarchat!

Liebe Freund*innen, liebe FLINTAs, Queers und Genoss*innen!
 
Häusliche Gewalt, Belästigung im öffentlichen Raum, Feminizide und Trans-Feminizide, Gewalt in Partner*innenschaften oder sexuelle Übergriffe im Freund*innenkreis und am Arbeitsplatz – das alles ist kein Zufallsprodukt, sondern ist bewusst und strukturell in unserer Gesellschaft verankert. Deshalb wollen wir heute einen materialistischen Blick auf die Verbindung von patriarchaler Gewalt und den gesellschaftlichen Verhältnissen werfen.
 
Die Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen und Queers hält das kapitalistische Patriarchat am laufen. Das System in dem wir leben ist aufgeteilt in eine private und eine öffentliche Sphäre. Weiblich gelesene Personen werden seit jeher ins Private gedrängt: sie sollen die ihnen zugeschriebene Rolle im Heim und am Herd ausfüllen und Kinder für Volk und Kapital produzieren. Den Männern wird parallel dazu der Hass auf alles sogenannte „Weibliche“ anerzogen, sie sollen es gleichzeitig ausbeuten und begehren. Als selbst ausgebeutete Lohnarbeiter, die im Zweifelsfall nach soldatischen Ideal für das Vaterland kämpfen und sterben sollen, werden diese vom System benötigt – und die Reproduktionsarbeit für alles sollen die Menschen übernehmen, die bei ihrer Geburt als „weiblich“ bezeichnet wurden. Was auch immer das bedeuten soll.
 
Gewalt gegen Frauen ist ein zentraler Mechanismus, um Frauen in den bestehenden Strukturen zu halten und ihnen den Subjektstatus im kapitalistischen Patriarchat zu verwehren. Wenn Frauen zum Subjekt werden wollen, indem sie eigenständige Entscheidungen treffen und sich aus der privaten Sphäre rausziehen, sind sie häufiger als sowieso schon von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen. Das sieht man zum Beispiel an Feminiziden in Reaktion auf selbstbestimmte Trennungen.


Erst letztes Jahr, am 3. April, wurde in Wetzlar die 17-jährige Marla von ihrem Ex-Partner, einem vorbestraften 32-jährigen Faschisten, ermordet. Der Täter lauerte ihr bewaffnet mit einer Schusswaffe auf einem Feldweg auf und erschoss sie. Direkt danach tötete er sich selbst. Marla trennte sich von ihm einige Monate zuvor und erstattete zwei Wochen vor ihrem Mord eine Anzeige gegen ihn wegen Körperverletzung und versuchter Nötigung. Er hatte sie monatelang belästigt und gestalked. Die Polizei hielt eine Gefährderansprache – weitere Maßnahmen unternahmen sie nicht.


Die Tat wurde, wie so oft, entpolitisiert. Der rechte Hintergrund wird vor Gericht nicht weiter beachtet. Der Mörder selbst ist dabei kein unbekannter – Er wurde wegen eines Nazibrandanschlags mit Molotow-Cocktails auf das Haus eines Antifaschisten in Wetzlar im Jahr 2010 zu mehr als 5 Jahren Jugendhaft verurteilt. 


Einen weiteren versuchten Feminizid gab es vor kurzem im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Ein Mann griff seine Ex-Partnerin mit einer Schaufel an und verletzte sie schwer. Wir solidarisieren uns klar mit der Betroffenen und wünschen dem Täter nur alles erdenkliche Schlechte.


Die direkte Bestrafung der Frau beim Versuch des Erlangens des Subjektstatus ist kein Einzelfall, sie ist ein eingeschriebener Teil des kapitalistischen Geschlechtersystems. Der Versuch von Frauen, Autonomie zu erlangen, wird direkt Bestraft. Cis-Männer erhalten ihre Machtposition im Zweifelsfall durch Gewalt und Mord.


Diese patriarchale Gewalt trifft natürlich nicht nur Frauen sondern auch alle Queers – seit mehreren Jahren wird vermehrt von Faschos zu Angriffen auf CSDs im Osten, aber auch überall in Deutschland, aufgerufen. Hier in Hessen konnten wir das unter anderem in Wetzlar beobachten. Nur durch antifaschistischen Schutz konnte der CSD sich dort weitestgehend ungestört die Straße nehmen.
 
Das Feindbild der Nazis bei diesen Aufrufen ist klar: Queerness entzieht sich der Normierung in der heterosexuellen Kleinfamilie. Queerness destabilisiert das Patriarchat und bedroht die bestehende gesellschaftliche Ordnung. Und hierbei ist es wieder genau eine Personengruppe, die sich davon besonders angegriffen fühlt: Cis-Männer! Es lässt sich eine Vergeschlechtlichung von Gewalt beobachten: Männer sind nicht in jedem Falle Täter, aber strukturell steht ihnen die Täterschaft jederzeit offen.


Um so dringlicher wird eine materialistisch-feministische Analyse der Gesellschaft. Aus dieser muss aber Praxis folgen. Es reicht uns nicht, cis-Männlichkeit nur kritisch zu hinterfragen oder neu und positiv zu besetzen; für uns ist klar, dass Männlichkeit immer mit patriarchaler Herrschaft verbunden ist, und deshalb stets von neuem bekämpft werden sollte. Seien es Feminizide, die Ausbeutung durch Freier in der Prostitution oder Queerfeindlichkeit aufgrund eines soldatischen Männlichkeitsideals: es profitieren immer die gleichen.


Umso wichtiger ist, dass wir heute auf der Straße sind und zeigen, dass diese Gewalt nicht unbeantwortet bleibt. Wir erinnern an die Opfer und die Überlebenden patriarchaler Gewalt, wir stehen zusammen und lassen uns nicht kleinkriegen. Wir kämpfen konsequent weiter gegen Patriarchat und Kapitalismus. Wir stehen hier und heute zusammen für eine feministische Praxis. Deshalb sagen wir: Her mit der geschlechts- und klassenlosen Gesellschaft, her mit dem Kommunismus, her mit dem guten Leben! Nieder mit dem Patriarchat!