
Folgender Redebeitrag wurde am 22. Februar 2025 bei der Demonstration „Antifaschismus bleibt unsere Wahl“ gehalten.
Es hat nie eine Brandmauer gegeben. Genauso wenig, wie der Demospruch „Alle gegen den Faschismus“ der Realität entspricht. Als vor circa einem Jahr die Correctiv Recherchen Schlagzeilen machten und in tausenden von Städten Menschen auf die Straßen gingen, um gegen „Rechts“ zu protestieren, standen wir dem skeptisch gegenüber. Während Antifa Gruppen seit Jahrzehnten auf die Gefahr rechter Gewalt und Raumnahme übten und diese über Recherchen gut dokumentierten und Faschist*innen mitunter das Leben schwer machten, wirkten diese und folgende bürgerliche Demonstrationen wie ein Theaterschauspiel – ein Happening, wo bürgerliche Parteien von links bis rechts, also der CDU, gemeinsam ihre moralische Überlegenheit zeigen konnten. Wo Reden geschwungen wurden über ein vielbeschworenes „Wir“. Sie erinnern an den „Aufstand der Anständigen“ der 2000er Jahre – nur mit weniger unnützer Lichterketten. Dann bleiben wir doch lieber Unanständig, als uns mit leeren Worten zu beschäftigen.
Währenddessen sitzen unsere Genoss:innen im Knast, weil sie antifaschistische handelten und sich dabei in Gefahr brachten. Abgestempelt als sogenannte „linksextreme Gewaltäter“, als „genauso schlimm wie die rechten“. Währenddessen machen wir uns Sorgen und haben Angst davor, wen es als nächstes erwischen wird. Es folgt keine Solidarität durch die „Anständigen“, sondern Distanzierung – Wir sind auf uns alleine gestellt. Und diese Einsamkeit ist besonders ohrenbetäubend, wenn wir inmitten von diesen tausenden bürgerlichen Menschen mitlaufen, die von Antifaschismus reden, aber nicht wissen, wovon sie sprechen. Wir senden unsere solidarischen Grüße an Maja, Lina, Zaid, Tobi, Gino, Hanna, Nele, Luci, Paula, Clara, Moritz, Paul, Johann und Gabri.
Die oftmals propagierte Solidarität der „Zivilgesellschaft“ hört dann auf, wenn Migrant:innen sich nicht „integrieren würden“, wenn die Sozialschmarotzer“nicht genug arbeiten“, wenn Linke und Antifaschist:innen als extremistisch verurteilt werden, wenn feministische und queere Fortschritte als „unnötig“ dargestellt werden und wenn Kritik an der Mitverantwortlichkeit ebenjener „Mitte der Gesellschaft“ geübt wird. Der vielbeschworene „Rechtsruck“ fing nicht mit der AfD an. Sondern mit etablierten Parteien wie der CDU, der SPD und den Grünen, die seit Jahrzehnten kontinuierlich das Asylrecht zu Grabe tragen, den Klassenkampf von oben durchführen und den autoritären Umbau von Staat und Gesellschaft durchführen. Die AfD muss offensichtlich nicht in staatlichen Machtpositionen sein, um rechte Politik durchzusetzen. Bereitwillig wird rechte Politik durchgeführt, während man sich gleichzeitig von den rechten distanziert. Dass das eine weniger nach Scheiße stinkt als das andere macht es nicht besser. Scheiße bleibt Scheiße.
Es ist nicht verwunderlich, dass im Angesicht der faschistischen Gefahr der Ruf nach einem AfD Verbot laut wird. Einer Maßnahme, die zum einen unrealistisch ist und zum anderen ein staatstragender Ruf nach der harten Hand des Staates darstellt. Es zeugt von einer falschen Analyse: Das die rechte Plage nichts mit der bürgerlichen Gesellschaft zu tun hat, sondern ein Außen darstellt, eine gefährliche Randerscheinung. Eine Antwort darauf, was dann mit den 20% der Wählerinnen der AfD nach einem Verbot passiert, können die Befürworterinnen des AfD Verbots nicht nennen. Als ob diese nach einem Verbot zu „braven Bürgern“ transformieren würden. Die Naivität ist nicht zu überbieten.
Eine Auseinandersetzung mit Faschismustheorien würde dazu führen, dass hoffentlich folgende Klarheit besteht: Faschismus entsteht aus der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere in Zeiten kapitalistischer und somit nationalstaatlicher Krisen & Umbrüche. Die stetigen Krisen, die permanente Kränkung und die Individualisierung der Menschen führen zu autoritären Tendenzen. Der Sehnsucht nach einem Kollektiv, einem „Wir“, dem nationalen oder religiösen Taumel. Der Ruf nach einem starken Staat und nach Sicherheit ist Ausdruck davon – die autoritäre Formierung vollzieht sich weiter.
Antifaschismus, der es ernst meint, muss ein Kampf gegen alle Herrschaftsysteme sein. Gegen Staat, Nation, Kapital und Patriarchat. Unser Ziel ist nicht die kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft vor den Faschos zu retten, sondern zu erkennen, dass genau diese Gesellschaft die Faschist*innen hervorbringt und zu ihrer Normalisierung beiträgt. Das Ziel ist die Überwindung der Arschlochgesellschaft hin zu einer, in der wir ohne Angst leben können. Antifa muss anecken, stören, unanständig sein. Antifa heißt, wenn wir es ernst meinen, der Kampf ums Ganze und für eine ganz andere Gesellschaft! Also lasst uns genau das tun – Unversöhnlich sein.